Kalksteinwerk Vilshofen (Opf.)

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Gründung des Werkes

In den Jahren um 1910 wird die Eisenbahnstrecke Amberg-Schmidmühlen gebaut. Die damit vorhandene Möglichkeit für den Transport schwerer Güter gab den Ausschlag, den Abbau des Jura-Kalksteines in Vilshofen in die Wege zu leiten. Am 21. Mai 1920 gründen findige Unternehmer das "Kalkdüngerwerk Oberpfalz". Die Inhaber der GmbH sind Bötticher aus Berlin, Kammerer aus Amberg und Böttcher aus Klardorf. Letzterer betreibt in unmittelbarer Nähe eine Papierfabrik in Vilswörth. Abgebaut wird am Pfalterberg, hierfür werden Gemeindegrundstücke in der Hermesleiten angekauft. Eine Steinmühle wird errichtet und ein Kalkofen erbaut. Das Areal des Kalksteinwerkes umfasst zu dieser Zeit 3,4 Hektar. Schon in den ersten Jahren nach Gründung werden 20 Arbeiter beschäftigt. Der Kalkstein muss in mühevoller Handarbeit abgebaut, zertrümmert und verladen werden. Innerhalb des Werksgeländes transportiert man das Rohmaterial auf den Schienen von provisorischen Feldbahnen. Produziert werden Branntkalk, Düngekalk für die Landwirtschaft und Kalksteinschotter für den Handel. Werksleiter ist Commerzienrat Otto Bötticher aus Berlin, der, wie Urkunden aus dem Amberger Staatsarchiv belegen, über die Gemeinde Vilshofen einen Antrag auf die Bayerische Staatsbürgerschaft stellt.

Produktion und Verwendung von Branntkalk

Für die Herstellung von Branntkalk wird Kalkstein (Calciumcarbonat) in Schichten in den Brennofen eingelegt, dazu einige Lagen mit Kohle. Diese werden entzündet. Bei einer Hitze von 900 bis 1200 Grad Celsius zerfällt der Kalkstein in Branntkalk (Calciumoxid). Das fertige und abgekühlte Produkt jedoch erhitzt sich bei der Berührung mit Wasser erneut. Vor einigen Jahrzehnten noch musste dieser Kalk auf Baustellen mit Wasser "gelöscht" werden – in einem Bottich oder einer Löschgrube. Das war ein Zischen und Blubbern, eine gefährliche Angelegenheit für die Arbeiter. Und der Kalk brannte in den Augen, sofern man nicht vorsichtig genug war. Die fertige, schlammige Kalkmasse wurde mit Sand zu Mörtel verarbeitet, konnte im – oder am Mauerwerk austrocknen und wieder erhärten. Entsprechend mit Wasser verdünnt eignete sich dieser Kalk auch für den Wandanstrich in Haus und Stall; diese Art zu "weißen" (Volksmund) war die bis dahin einzige bekannte Methode. In industrieller Nutzung wird Kalk - heute wie damals - zur Entschwefelung von Roheisen wie auch zur Entschwefelung von Rauchgas verwendet.

Der Einstieg der Maxhütte

Das Werk wirft keinen Gewinn ab. Produziert werden 15 Tonnen Kalk täglich, dennoch, ausgelöst durch die Weltwirtschaftskrise, bleibt die Rendite aus. In der neu erbauten Kantine des Werkes kostet ein Liter Bier 520 Mark. Anno 1923 macht die Inflation auch hier keinen Halt. Um einen Konkurs abzuwenden, entschließt man sich, die "Eisenwerk Gesellschaft Maximilianshütte / Sulzbach Rosenberg", besser bekannt als Maxhütte, als Teilhaber aufzunehmen. Der neue Abnehmer benötigt große Mengen an Rohkalkstein für die Hochöfen und gebrannten Kalk für das dortige Stahlwerk. Die Produkte aus dem werkseigenen Steinbruch in Lengenfeld (bei Amberg) reichen nicht mehr aus, so dass ein gewichtiger Teil des Abbaus auf Vilshofener Vorkommen verlegt werden muss. 1928 wird Georg Behringer neuer Betriebsleiter, die Belegschaft zählt in den 1930er Jahren bereits 50 Mitarbeiter. Das Abbau-Areal vergrößert sich um weitere 10 Hektar.

Der 2. Weltkrieg

Schon vor Beginn des Krieges bildet sich die NSBO – die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation, Ortsgruppe Vilshofen. Die Vereinigung, vergleichbar mit einer Gewerkschaft, ist angelehnt an die NSDAP und trägt auch die typischen Symbole der Nationalsozialisten, sowohl auf Fahnen als auch auf Uniformen. Ab Beginn des Krieges 1939 werden wehrtaugliche Belegschaftsangehörige eingezogen. Das NS-Regime kontrolliert Deutschland. Der Produktion von Stahl und dem damit verbundenen Nachschub an Kalk wird eine hohe Priorität eingeräumt. Zur Erhaltung des Werksbetriebes schickt man Zwangsarbeiter nach Vilshofen, dies sind in den Jahren 1940/1941 vierzig französische - und in den Jahren 1943/1944 vierzig russische Kriegsgefangene – darunter zwei Frauen. Auf dem Bahnhofsgelände Vilshofen – nur wenige hundert Meter zum Kalksteinwerk, befindet sich ein Holzlagerplatz. Von hier aus werden Baumstämme, die zu Grubenholz geeignet sind, zu den Bergwerken ins Ruhrgebiet transportiert. Auf diesem Lagerplatz errichtet man Holzbaracken zur Unterbringung der Zwangsarbeiter. In Bezug auf das Hauptwerk Maxhütte liegt die Vermutung nahe, dass die Kriegsgefangenen aus "STALAG XIII, Sulzbach-Rosenberg" nach Vilshofen verlegt wurden. STALAG ist die Abkürzung für Stammlager. Für einen der russischen Zwangsarbeiter endet die Arbeit im Kalksteinwerk tragisch: Er wird von Steinmassen verschüttet und kann nur noch tot geborgen werden; er wird im Friedhof Vilshofen bei den Heidenkindern (bei den ungetauften Neugeborenen) begraben. Auch leiden die Gefangenen an stetigem Mangel an Nahrung. Im Dorf weiß man von der Not der Menschen dort im Kalkwerk. An einem kalten Wintertag fasst sich ein Vilshofener Landwirt ein Herz und liefert eine Fuhre Dorschen (Futterrüben) an die Zwangsarbeiter. Leider wird die Fuhre durch die klirrende Kälte ungenießbar, dennoch essen die Gefangenen die verdorbenen Rüben. Zeitzeugen wissen aber auch zu berichten, dass die Zwangsarbeiter teilweise "frei herumlaufen" durften, dass sie friedlich waren und keine Fluchtgefahr bestand. Ein französischer Kriegsgefangener wurde sogar aus der Gefangenschaft entlassen, da er eine Frau aus Schmidmühlen vor dem Ertrinken in der Vils gerettet hatte. Zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall kommt es im Mai 1944: Drei deutsche Mitarbeiterinnen, beschäftigt in der Küche bzw. in der Verwaltung, erhalten Russisch-Unterricht von einem der sogenannten Ostarbeiter. Ein Wachposten meldet den Vorfall, es kommt zum Eklat. Die Behördenmaschinerie setzt sich in Gang! Die Mädels werden "des illegalen Kontaktes" beschuldigt, auch hätten sie diesem Strafgefangenen Essen zukommen lassen, wirft man ihnen vor. Den Protokollen der Gendarmerie zufolge wollten die Beschuldigten nur den enormen Verständigungsschwierigkeiten entgegenwirken, beteuern sie arglos. "Die fraglichen Personen sind, falls ein verbotener Umgang mit Kriegsgefangenen vorliegt, in das Gerichtsgefängnis zu meiner Verfügung in Polizeihaft einzuliefern" – heißt es in einem Schreiben der Geheimen Staatspolizei Regensburg (Gestapo) an den Amberger Landrat. Zu einer Inhaftierung der Mädels ist es offensichtlich nicht gekommen. Ende des 2. Weltkrieges werden die Kriegsgefangenen in ihre Heimat entlassen, im Gegenzug holt man sich Sträflinge aus dem Amberger Gefängnis; im sogenannten Postenhäusl neben dem großen Verwaltungsgebäude im Steinbruch waren entsprechend die Wachleute untergebracht.

Modernisierung

Die Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg wurde nach König Maximilian II benannt – der war bayerischer König von 1848-1864. In der Blütezeit fanden bei diesem Konzern 9000 Menschen Lohn und Arbeit. Beginnend 1949 ist die Maxhütte alleiniger Eigentümer des Vilshofener Betriebes. Schon ab 1946 wurde hier mit dem neuen Betriebsleiter Oberingenieur Rudolf Zöllner eine Modernisierung der Werksanlage in die Wege geleitet. Für die Verhüttung des Eisenerzes in Rosenberg aber werden erheblich größere Mengen an Kalk benötigt, die Kapazität des Vilshofener Werkes reicht nicht mehr aus. Die Modernisierung geht in eine neue Dimension: Zwei neue Hochleistungs-Schachtöfen wachsen aus dem Boden, die sogenannten Dr. Burkhardt-Öfen, Leistung 100 Tonnen Kalk pro Tag. Wie ein Riesen-Zwillingspaar stehen die monströsen 50 m hohen Metallkonstrukte in der Landschaft, weithin sichtbar im Vilstal. Auch der bestehende Brennofen aus Ziegelstein wird modifiziert, der obere Teil abgeflacht; auf älteren Fotos (vor 1950) ist noch die konisch zulaufende Spitze abgebildet. Beim Abbau der Gesteinsmassen kommen jetzt Bagger und Lader zum Einsatz. Am 14. Mai 1950 werden die neuen Schachtöfen angeblasen. Die Werkskapelle Rosenberg spielt auf, um 8.00 Uhr beginnt der Einzug der Belegschaft in die Pfarrkirche Vilshofen zu einem feierlichen Gottesdienst. Anschließend ziehen Schuljugend und Belegschaft durchs Dorf zum Kalksteinwerk. Gegen 10 Uhr hört man das Heulen der Werkssirene, elf Böllerschüsse hallen durchs Vilstal. Vizepräsident Direktor Enzmann hält die Festrede. Kurz nach 11 Uhr entzündet Frau Zöllner die Feuerung und nimmt somit die neuen Brennofen in Betrieb.

Der Industriestandort

Das Kalksteinwerk Vilshofen im Jahre 1959. Entnommen: Fotoarchiv Albert Kräuter, Heimatpfleger Rieden/Vilshofen.

Das Areal wird auf 23 Hektar ausgedehnt. Die beiden Fahrwege von Hammerberg nach Vilshofen, die südlich um – und sogar durch den Steinbruch führen, werden durch die neue Hammerbergstraße ersetzt, die ab jetzt nördlich, entlang des Abbaugebietes verläuft (Einweihung 1966). Mit dem Werk Vilshofen ist der Maxhütte-Konzern nun Selbstversorger in Kalkstein. Zu den neuen Öfen kommen 1952 auch die Inbetriebnahme einer Brecher- und Siebanlage für die Aufbereitung von Kalkrohstein sowie ein riesiger Koks-Hochbunker. Ein Verwaltungsgebäude wird errichtet sowie eine Großküche und ein moderner Speisesaal für die Arbeiter. Die Gewinnung der Gesteinsmassen erfolgt durch die sogenannte Tiefbohrloch-Sprengung. Rangiergleise für den Abtransport per Eisenbahn werden verlegt. Der Abbau in Vilshofen klettert auf ein Maximum, die Jahresproduktion steigt auf 400.000 Tonnen Rohkalkstein und 100.000 Tonnen gebrannten Kalk. Unzählige beladene Waggons pro Jahr werden per Eisenbahn abtransportiert. Das Werk entwickelte sich zu einem Industriestandort. So erreicht die Zahl der Belegschaft in den frühen 1950er Jahren den Zenit mit 240 Beschäftigten, begründet auch durch die Zuwanderung von Arbeitern des jetzt stillgelegten Steinbruches in Lengenfeld. Nach einem leichten Rückgang bleibt die Jahresleistung ab 1953 stabil bei 350.000 Tonnen produziertem Rohkalkstein und 70000 Tonnen Kalk. Die Anzahl der Beschäftigten sinkt auf 137 Personen.

Wohnungen in Vilshofen dringend gesucht

In Bayern landen 1945 nach Kriegsende Zigtausende Flüchtlinge und Vertriebene aus den Sudetenländern. Am Bahnhof Schmidmühlen steht am 25. März 1945 ein Zug mit Flüchtlingen aus Schlesien. Alle suchen nach Unterkunft und Versorgung. Durch das Angebot an Arbeitsplätzen im Kalksteinwerk verzeichnet man in Vilshofen einen vergleichbar hohen Zustrom an Heimatlosen. Sie finden Unterbringung bei Einheimischen oder aber in Notunterkünften und Baracken - wie denen am Bahnhof. Auch im Hammerschloss Vilswörth wohnen Flüchtlinge. Sogar ausrangierte Eisenbahnwaggons, besser gesagt die Kabinen derselben nutzt man als "Dach über'm Kopf" und stellt sie rechts der Hammerbergstraße auf. Eine Familie baut ein Haus um den Waggon, dieser ist nun als fester Bestandteil in das Haus integriert! Außerdem errichtet man linkerhand der Hammerberg-Straße Baracken, ebenso zwei Wohnhäuser für das Führungspersonal des Kalksteinwerkes, eines für den Betriebsleiter und ein weiteres für die Werksmeister. Anfang der 1950er Jahre werden in Vilshofen Werkswohnungen geschaffen: die sogenannten Maxhüttehäuser; die beiden Komplexe bestehen aus je 18 Wohneinheiten. Sogar im Auftrag des Landkreises Amberg wird gegen die Wohnungsknappheit angekämpft: Es entstehen zwei Bauten – im Volksmund "die Kreishäuser", sie stehen an der Bahnhofstraße. Des Weiteren wird in der Bahnhofstraße ein Kaufhaus der Kette KONSUM angesiedelt.

Die Kipp

Auf der neuen Straße nach Hammerberg liegt rechter Hand eine riesiges Gelände mit aufgefülltem und planiertem Material. Unzählige Tonnen an Abraum (Kalkstein mit Erde und Lehm gemischt) wurden hier aufgeschüttet. Bei den Einheimischen wird dieses Gelände "die Kipp" genannt. Der auffällig abgeflachte Hügel ist auf alten Vilshofener Ansichtskarten deutlich zu erkennen. Aber auch im südlichen Teil des Steinbruches wird Abraum aufgeschüttet, so dass sich jetzt ein imposanter Schuttberg mit steilen Abhängen in die Landschaft drängt.

Die Klärteichanlage

Der Damm der Klärteichanlage bei Aufheim (Markt Rieden) ist bis heute erhalten. Foto: Albert Kräuter

Im Unteren Pfistertal, einem 15 Hektar großem Grundstück vor Vilshofen (rechts der Vils bei Aufheim) wird im Jahre 1964 aufwändig ein Damm für eine Klärteichanlage errichtet. Schon im ersten Bauabschnitt entsteht ein Damm von 100 Metern Länge und einer Höhe von 16 Metern, so dass auf dem Areal ein Fassungsvermögen für 350.000 Kubikmeter Klärschlamm zur Verfügung steht. Gleichzeitig wird im Werk selbst eine neue Steinwaschanlage in Betrieb genommen und so die Reinheit des produzierten Kalksteines enorm verbessert. Der im Waschprozess gelöste Schlamm kann nun durch eine 1,5 Kilometer lange Rohrleitung, entlang den Gleisen der Vilstalbahn in den Klärteich gepumpt werden. Hier setzen sich Schlamm und Sand langsam ab. Die Klärteichanlage – auch Rückhaltebecken genannt, ist auf eine "40 Jahre Nutzung" ausgerichtet, sie könnte bei Erhöhung des Dammes sogar auf 100 Jahre und 1 Million Kubikmeter Fassungsvermögen ausgedehnt werden, verkünden die Verantwortlichen. Kosten der Anlage: Zwei Millionen DM. Zur Einweihungsfeier der Waschanlage kommt der Direktor der Maxhütte persönlich und barfuß – zum Erstaunen der geladenen Gäste. Er weiß sich gut in Szene zu setzen, nicht zuletzt für die anwesenden Journalisten. Und er erklärt: "Vor drei Jahren habe ich leichtsinnig versprochen, sollte jemals in Vilshofen eine Waschanlage entstehen, dann gehe ich barfuß dort hin. Das ist nun geschehen!" Die Wasserfläche des Klärteiches dehnt sich, hier im Aufheimertal, auf einen Hektar aus. Für die Natur entstehen keine Nachteile oder Schäden, ganz im Gegenteil: Im Laufe der Zeit siedeln sich sogar seltene Pflanzen, Tiere und Insekten an, das entstandene Biotop wird unter Naturschutz gestellt, siehe im Web [Pfistertal nördlich von Vilshofen]. Der Vogelschutzbund interessiert sich für das Areal und erwirbt es mithilfe staatlicher Förderung. Erwähnenswert: Zwischen dem Pfarrberg und dem Klärteich entsteht eine kleine Waldhütte, von den Einheimischen als das "Hexenhäusl" bezeichnet. Sie dient VIPs des Kalksteinwerkes und der Maxhütte Sulzbach/Rosenberg als Wochenend- und Jagdhaus. Die im Gebüsch versteckte und mystisch wirkende Hütte wird beim Bau der neuen Straße nach Kreuth abgerissen. Die ehemalige Klärteichanlage wurde als historische "Bayerische Kulturlandschaft" erfasst und registriert.

Euphorie und Ernüchterung

20 Millionen DM hatte man seit 1950 in den Betrieb investiert. Allein im Jahre 1960 rollen von Vilshofen aus 10800 beladene Waggons nach Sulzbach-Rosenberg. Das Kalksteinwerk schreibt schwarze Zahlen bei jetzt 90 Beschäftigten. Mit den naturgemäß schwierigen Arbeitsbedingungen durch Schlamm, Staub oder Hitze, durch den Lärm der Brecher oder laufender Maschinen – aber auch durch die Rutschgefahr bei schmierigen Lehmböden sind die Menschen hier einer Dauerbelastung und einem hohen Unfallrisiko ausgesetzt. Dennoch scheinen die Arbeiter zufrieden. Vor allem mit dem neuen Betriebsleiter Hans Krieger wird ab 1965 eine deutliche Verbesserung des Arbeitsklimas eingeläutet. Und: Vilshofener Kalkprodukte sind von hoher Qualität! Eingestuft als einen der modernsten Betriebe dieser Art in West-Deutschland wird dem Kalksteinwerk eine große Zukunft vorausgesagt. Nach nur wenigen Jahren muss diese Euphorie der Ernüchterung weichen, denn schon 1969 kursieren Gerüchte über einen Verzicht auf das Vilshofener Werk vonseiten des Sulzbach-Rosenberger Maxhütte-Konzernes, der nun mit Kalkstein aus Regensburger Vorkommen beliefert werden soll. Sicher spielt auch die Einführung des OBM-Verfahrens der Maxhütte eine gewichtige Rolle (OBM steht für Oxygen Bottom Maxhütte). Hierbei wird Branntkalk als Zuschlagsstoff für die Stahlschmelze entbehrlicher. Der damit verbundene extreme Auftragsrückgang für das Vilshofener Werk bringt auch den rapiden Untergang. Verbitterung und Zorn der Belegschaft gegenüber der Werksleitung der MH kommen auf. Schon 1970 erfolgt die Stilllegung des Betriebes in Vilshofen! Gut die Hälfte der Arbeitsplätze kann zwar auf die Werke Rosenberg und Haidhof verteilt werden, dennoch bedeutet die Schließung des Betriebes einen herben Rückschlag für die Region, vor allem auch wegen der ausbleibenden Gewerbesteuer an die Kommune.

Auf Halbmast

Am 4. April 1970 wird der Kalkofen ein letztes Mal gefeuert, am selben Tag finden im Speisesaal der Kantine noch die Hochzeitsfeierlichkeiten eines jungen Paares statt. Das war's! Von 1970 bis 1980 liegt das Werk brach. Die Ruhephase wird nur durch die Sprengung der beiden Hochschachtöfen und des Ziegelschachtofens im Jahre 1976 unterbrochen. Von Presserummel begleitet wird damit ein Stück Zeitgeschichte Vilshofens ausgelöscht. "Die Hochschachtöfen waren sehr stabil gebaut" wissen Zeitzeugen zu berichten, "sie hielten der ersten Sprengung stand. Erst beim zweiten Mal gaben sie nach und krachten in sich zusammen!" Unabhängig zum Werk Vilshofen ist in Schmidmühlen ein ähnlicher, wenn auch kleinerer Kalkbrennofen aus dieser Pionierzeit erhalten geblieben, er steht in der Hohenburger-Straße und wurde zum Industriedenkmal erklärt. Wie jedoch die Zukunft des brachliegenden Vilshofener Kalksteinwerkes aussieht, darüber können zu diesem Zeitpunkt weder Politiker noch Eigentümer Auskunft geben. Wiederbeginn: Anfang der 1980er übernimmt die "Hormersdorfer GmbH" mit 9 Beschäftigten den Steinbruch; Teilhaber sind Fa. Prüschenk und EBAG. Ab 1983, nach dem Ausstieg von Prüschenk, läuft der Betrieb unter der Bezeichnung "Kalksteinwerk Vilshofen GmbH" (KWV). Waren es in früheren Jahren große Mengen Kalk, die hier gebrannt wurden, verlagert sich die Produktion jetzt auf Kalkstein, Schotter und Splitt. Abnehmer sind die Bau- und Betonbranche, der Truppenübungsplatz Hohenfels für die Instandhaltung der Panzerstraßen und generell der Straßenbau. Sogar für ein Teilstück der Autobahn A6 wird Material angeliefert. Tausende von Tonnen Kalkstein gehen nach Wackersdorf, erst für die Erschließung des WAA-Geländes, dann für den Innovationspark. In der Zeit um 1984 produziert das Werk 500.000 Tonnen jährlich, bei einer Personalstärke von 16 Mitarbeitern. Der Steinbruch ist 300 Meter lang, die Bruchwand über 60 Meter hoch. Der Kalkgehalt liegt bei 90 Prozent und darüber. Abgebaut wird mit Bohrlochsprengungen, dabei werden mit 625 kg Dynamit jeweils 35000 Tonnen Juragestein aus der Felsenwand gesprengt.

Neukunden

Mit gemahlenem Kalkstein werden nun auch neue Absatzmärkte erschlossen. Die Produktpalette reicht von Brechsand und Düngekalk bis hin zu dem weithin bekannten Catomin - einem Bodenhilfsstoff. Dieses Material wird an große landwirtschaftliche Betriebe geliefert und dort mit Gülle vermischt. Der Aufwand rechnet sich: Die ausgebrachte Gülle fördert das Wachstum auf den Feldern bei gleichzeitiger Reduzierung der Geruchsbelästigung. An das Bayernwerk Schwandorf / Dachelhofen liefert das Kalkwerk per Eisenbahn täglich 2 Züge Kalksand mit je 18 Waggons. Der Kalk wird dort als Zusatz für die Abgasentschwefelung verwendet - für eine letztendlich umweltfreundliche Stromerzeugung. Der Abtransport von Kalkstein war über Jahre hinweg ein lukratives Geschäft für die Deutsche Bahn. Bis 1986 wird nach Dachelhofen geliefert, 1988 folgt die Stilllegung der Bahnlinie Amberg-Vilshofen. Für den Transport auf der Straße werden nun täglich über 200 LKWs beladen. Neben dem Maschinenpark besitzt das Werk auch einen eigenen Fuhrpark mit LKWs und Silozügen, um Kunden mit Material beliefern zu können. Die Gesamtmenge aller Produkte erreicht im Jahre 1997 einen Spitzenwert mit einer Jahresleistung von 800.000 Tonnen.

In der Sackgasse

1998 werden Abbaugrenzen erreicht. Schon rechtzeitig hatte man, federführend durch Herrn Günter Bismark, dem technischen Leiter der EBAG Betriebe, einen Antrag mit Ausdehnung in Richtung Hammerberg gestellt. Dagegen gab es Widerstand aus der Bevölkerung. Durch die Sprengungen im Steinbruch und den damit verbundenen Erschütterungen gäbe es Risse in nahegelegenen Wohngebäuden, wussten einige Bürger zu argumentieren. So wird das weitere Überleben des Kalksteinwerkes zu einem politischen Thema. Die Bürger entscheiden sich jedoch für den Erhalt des Betriebes und somit für die Erweiterung des Areals um weitere 25 ha. Im Gegenzug plant die Firmenleitung die Rekultivierung und Renaturierung des Gebietes – schon während des Abbaus von Steingut. Zukunftsvision: Zu späteren Zeiten, nach der Einstellung des Betriebes soll hier ein Naherholungsgebiet entstehen. Im Jahre 2005 übernimmt die "Basalt AG" den Vilshofener Steinbruch. Aufgrund des mangelnden Absatzes jedoch und gegen eine starke Konkurrenz ist das erneute Aus für das Kalksteinwerk nicht mehr abzuwenden. Im Jahre 2007 muss den letzten 13 Mitarbeitern gekündigt werden. In den darauffolgenden Jahren wird die Anlage mit Engelbert Müllner, dem langjährigen Betriebsleiter, verkleinert weitergeführt. Das übergroße und weithin sichtbare Silo-Gebäude wird schließlich und endlich im Jahre 2011 abgerissen; damit sind praktisch alle Betriebsanlagen des Kalksteinwerkes entfernt. Einzig die Trafo-Station und das "Bürohäusl" mit Fahrzeugwaage verbleiben. Auf kommunaler und regionaler Ebene werden Vorschläge diskutiert, hier ein Photovoltaikprojekt in großer Dimension entstehen zu lassen, die Pläne entwickeln sich jedoch als nicht realisierbar. Der sogenannte "Einmann-Betrieb" läuft noch bis 2016, von da an liegt das Gelände brach.

Die Maxhüttehäuser

Die Werkswohnungen des Kalksteinwerkes Vilshofen, im Volksmund genannt die Maxhüttenhäuser - vor dem Abbruch im Jahre 2002. Foto: Erich Hammer

Ein Rückblick: 1950 entstand der erste Gebäudekomplex, in den Jahren 1952/1953 der zweite. Insgesamt 36 dringend benötigte Wohnungen standen so in Vilshofen zur Verfügung. Fast ausschließlich waren es Arbeiter des Kalksteinwerkes, die hier wohnten. Die meisten waren Heimatvertriebene aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Jahrzehnte prägen die beiden langgestreckten Häuser das Ortsbild an der Hanglage linker Hand der Vils. "Hier spielte sich das Leben ab", erinnert sich einer der Bewohner. Kein Wunder, bei dieser Anzahl an Familien und vor allem der vielen Kinder, ähnlich einer Kommune. Bei der Zuordnung von Straßennamen im Dorf wird die Anfahrt zu den Wohnblocks "Maximilianstraße" benannt. In den 1980er Jahren gehen die Häuser in Privatbesitz über. Schließlich werden die Bauten renovierungsbedürftig, oder besser: Die Maxhüttehäuser haben ausgedient. 2002 neigt sich auch hier ein Stück Vilshofener Geschichte dem Ende zu – und Abriss-Bagger warten auf ihren Einsatz. Einzig die Bezeichnung Maximilianstraße, in Erinnerung an das Kalksteinwerk und an die Maxhüttehäuser, ist geblieben.

Neueinstieg der Firma Schatz

2019 findet sich ein Käufer für das Steinbruch-Areal. Die Firmengruppe Schatz aus Schwarzenfeld erwirbt das Steinbruchgelände von der Basalt AG bzw. der übergeordneten Wehrhahngruppe. Angekauft wird auch die brachliegende Abraumhalde (Kipp) rechter Hand der Straße nach Hammerberg. Das Steinbruch-Areal erstreckt sich über eine Fläche von 53 ha, einer Größe gleichzusetzen mit 75 Fußballfeldern. Die vorige Firmenbezeichnung "Kalksteinwerk Vilshofen" mit dem Kürzel KWV wird beibehalten. Gäste und Kunden werden bergmännisch mit "Glück auf" begrüßt. Im Zufahrtsbereich befinden sich die Fahrzeugwaage und ein neu renoviertes Verwaltungsgebäude. Mit sieben Mitarbeitern und einem gut ausgestatteten Maschinen- und Fuhrpark steht für die Kunden eine umfangreiche Produktpalette gängiger Körnungen an Kalkstein zur Abholung bereit. Bereits im ersten Jahr nach der Werksübernahme werden der großen Nachfrage entsprechend 120.000 Tonnen an Kalkstein produziert – Tendenz steigend. Nachschub entsteht durch "sanfte Sprengung" mit neuester Technik, in dezimierten Mengen, umweltfreundlich und für die Bevölkerung kaum hörbar. Der höhere finanzielle Aufwand hierfür wird von Seiten des Unternehmers zugunsten einer wesentlich geringeren Belastung für die Anrainer gerne in Kauf genommen.

Die Natur kehrt zurück

Die brachliegenden Areale des Kalksteinwerkes Vilshofen entwickeln sich zu einem Naturparadies. Foto: Albert Kräuter

Über Jahre hinweg war ein Großteil des Steinbruchgeländes brach gelegen. Die senkrechten Felsenwände zeigen schon deutliche Spuren der Verwitterung und Verkarstung, so dass die gelbbraunen zerklüfteten Wände süffisant auch schon mal "der Vilshofener Grand Canyon" bezeichnet werden. Der Abbau des Gesteines erfolgt räumlich eingegrenzt, so bleibt ein Großteil des Areals unberührt. Neben der Quelle am Radweg, die das Kalksteinwerk über Jahrzehnte hinweg mit Frischwasser versorgte, sprudelt eine weitere Quelle an der nordwestlichen Steilwand des Steinbruches wie ein Bach aus dem Boden – und liefert frisches Wasser für die jetzt entstandenen Feuchtbiotope. So sind es nicht nur Fuchs, Hase und Wildschwein, die hier heimisch geworden sind, sondern auch für seltene Arten von Flora und Fauna ist Lebensraum entstanden. Gesichtet wurden Kreuzkröten, Kammmolche und Gelbbauchunken. Über Gräsern und Blumen schwirren Schmetterlinge und Libellen. In den Nischen und Spalten der Jura-Felsenwand nisten verschiedene Vogelarten; sogar ein Uhu wurde gesichtet. Das Wasser der Frischwasser-Quelle im Übrigen versickert im ausgedehnten Areal des Steinbruches. Mitarbeiter des "Bund Naturschutz" wie auch Beschäftigte des Kalksteinwerkes arbeiten koordiniert am weiteren Erhalt dieses Kleinodes. 2020 werden durch den Landesbund für Vogelschutz (LBV) drei Uhus ausgewildert. Die verkarsteten Felsenwände hier im Steinbruch bieten ideale Nist- und Brutplätze für die Uhus. Ein kurzer Blick auf den ehemaligen Klärteich (oberhalb des heutigen Rieden/Vilshofener Wertstoffhofes) sei noch gewährt. Hier hat die Natur den ursprünglichen Zustand wieder hergestellt. Büsche und Birken wachsen auf flachem und sandigem Boden. Nur ein Tümpel mit spärlichem Rest an Wasser ist geblieben. Es scheint, als wäre das kleine Naturreservoir nach Süden abgewandert – in die brach liegenden Abschnitte des heutigen Steinbruches.

Rückblick – einige Daten:

Die Werksleiter:

  • 1920, Otto Bötticher, Gründer und Werksleiter
  • 1928, Georg Behringer, Betriebsleiter
  • 1946 bis 1965, Oberingenieur Rudolf Zöllner, Werksleiter
  • 1965 bis 1970, Hans Krieger, Werksleiter
  • 1984 bis 2007, Engelbert Müllner, Werksleiter
  • 2007 bis 2016, Engelbert Müllner im "Einmannbetrieb"
  • 2017 bis 2019, das Werk liegt brach
  • ab 2019: Firmeneigner Wolfgang Schatz, Werksleiter Peter Ziegler

des Weiteren waren in den 1950er und 1960er Jahren

  • Josef Prößl, Bruchmeister,
  • Josef Graf, Bruch- und Produktmeister,
  • Georg Oswald, Sprengmeister und
  • Georg Luber, Werksmeister

Anzahl der Mitarbeiter:

  • 1921 – 20 Beschäftige
  • 1930 – 50 Beschäftigte
  • 1949 – 95 Beschäftigte
  • 1950 – 240 Beschäftigte
  • 1965 – 80 Beschäftigte
  • 1983 – 16 Beschäftigte
  • 1988 – 17 Beschäftigte
  • 2005 – 13 Beschäftigte
  • 2010 – 1 Beschäftigter
  • 2020 – 7 Beschäftigte

Quellenangaben

Heimatbuch „Vilshofen in der Oberpfalz, ein Dorf und seine Geschichte“ von Albert Kräuter