Vilstalbahn (Geschichte der Bahnstrecke Amberg-Schmidmühlen)
Der Fortschritt kehrt ein
1835 fährt die erste Eisenbahn in Deutschland – von Nürnberg nach Fürth. 1859 wird die sogenannte "Ostbahn" eröffnet, sie führt von Nürnberg über Amberg nach Cham. Im Mai 1910 rollt der erste Eisenbahnzug mit einer fauchenden Dampflokomotive von Amberg / Drahthammer bis Ensdorf durch das Vilstal. Wenige Monate später, im Dezember 1910, kann auch der zweite Abschnitt bis Schmidmühlen feierlich in Betrieb genommen werden. Viele Überlegungen bei den Verantwortlichen der "Königlich Bayerischen Staatseisenbahn" waren nötig, um über den Streckenverlauf zu entscheiden – und ob es überhaupt sinnvoll wäre, die Vilstalbahn zu errichten. Die Freigabe dann zum Bau löst bei den Einwohnern dieser ländlich und bäuerlich geprägten Region große Euphorie aus. Die Bürger wissen: Mit der Eisenbahn hält auch der Fortschritt Einzug! Der Ausbau der Strecke und die Verlegung der Schienen kann trotz der felsigen Steilhänge entlang der Vils innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen werden.
Die erste Dampflok in Vilshofen
Die erste Zugfahrt für den südlichen Teil der Vilstalbahn ist für den Zeitraum Dezember 1910 angekündigt. Neugierig warten unzählige Menschen auf dieses Ereignis. In einem Schulaufsatz beschreibt eine Schülerin die Ankunft des ersten Zuges in Vilshofen mit folgenden Worten:
„Erwartungsvoll steht eine Menschenmenge an der Bahnstation und wartet auf ein Zeichen des nahenden Zuges. Plötzlich ertönt ein schriller Pfiff, tatsächlich sieht man schon eine Rauchsäule aufsteigen. Jetzt erscheint das schwarze Ungetüm! Die Leute stellen sich auf die Zehenspitzen und recken die Hälse. Schnaufend und fauchend schiebt sich die Lokomotive mit ihren Wagen heran. Aus den Fenstern winken lachende Kinder und Erwachsene. Die Lokomotive ist mit Blumen geschmückt, sogar der Schlot, aus dem schwarzer Rauch steigt. Die Fenster der Wagen sind mit Girlanden bekränzt. Der langsam heranfahrende Zug bleibt mit einem Ruck stehen. Das seltsame Gefährt, das sich aus eigener Kraft vorwärts bewegt, wird von allen Seiten bestaunt. Der Zug, den Lokführer Martin Lang bedient, setzt sich nun wieder in Bewegung. Die Kinder winken und sehen etwas enttäuscht den davonrollenden Wagen nach.“
Der neue Alltag
Transportiert werden Personen und Waren, auch Briefe und Pakete. Der Postillion und die Postkutschenfahrten mit Pferden erübrigen sich von nun an – mit Einstellung des Betriebes noch im Jahre 1910. Jetzt holt der örtliche Postbote Briefe und Pakete mit einer Schubkarre vom Bahnhof ab und verteilt sie im Dorf. Dort an den Bahnhöfen entsteht ein geschäftiges Treiben: Es wird geladen und entladen – Kohlen, Baustoffe, Maschinen, Baumstämme, Vieh und landwirtschaftliche Produkte. Nach dem 2. Weltkrieg versorgt die US-Army ihre Truppen im Übungsplatz Hohenfels über die Vilstalbahn, in Schmidmühlen richtet man einen entsprechend großen Verladebahnhof ein.
Zahlen und Daten
Dampflokomotiven mit ihren Personen- und Güterzügen schnauben regelmäßig durchs Vilstal. In den 1950er Jahren liegt der Preis für das Personen-Billet bei 90 Pfennig. Zum Vergleich: Der Stundenlohn eines Handwerkers liegt bei 50 Pfennig. Eine Dampflok mit 80 Tonnen Gewicht verbraucht 5 Tonnen Kohle täglich, hat eine Zugleistung von 1000 Tonnen - bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h. Die Fahrt von Amberg nach Schmidmühlen dauert exakt eine Stunde. Die nostalgische Ära der häufig genutzten "Dampflok" aus der Baureihe 86 wird in den 1970ern durch eine Diesellok, meist aus der Baureihe 211 abgelöst. Waren es für die Strecke Amberg-Schmidmühlen bisher über 50000 verkaufte Personen-Billets jährlich, zeichnet sich in den 1960ern ein deutlicher Rückgang ab. Der verstärkte Einsatz von Bahnbussen zu dieser Zeit führt im Jahre 1966 schließlich zur Einstellung des Personenverkehrs auf den Schienen der Vilstalbahn.
Rentabilität
Der Garaus der Bahnlinie kann lediglich durch den Gütertransport eines Großkunden aufrecht erhalten werden: Dem Kalksteinwerk Vilshofen! Tausende Tonnen von Kalkstein werden über die Schiene abtransportiert. Allerdings wird die Haltestelle Vilshofen zur "Betriebsstelle" abgestuft und dient ausschließlich der Abwicklung des Güterverkehres. 1985 wird die Strecke Vilshofen-Schmidmühlen komplett stillgelegt, drei Jahre später kommt auch das Aus für den Kalksteintransport ab Vilshofen in Richtung Amberg. 1988 beginnt der Abbau der Gleise der Bahnstrecke. In den Folgejahren wird die Bahnstrecke zu einem Radweg ausgebaut. Heute erinnert der Fünf-Flüsse-Radweg auf der Trasse der ehemaligen Vilstalbahn an die Zeit von damals.
Quellenangaben
Heimatbuch „Vilshofen in der Oberpfalz, ein Dorf und seine Geschichte“ von Albert Kräuter
Weblinks
Bahnstrecke Amberg–Schmidmühlen in der freien Enzyklopädie Wikipedia